Recherche und Erfahrung
von Jona Mondlicht / 26. Februar 2026 / Keine Kommentare / Allgemein
Ist es besser, wenn ein Autor die Kernthemen seines Romans selbst erlebt hat?
Das ist eine knifflige Frage. Sie klingt, als bräuchte man nur kurz in die Biografie der Autorin oder des Autors schauen und wüsste dann, ob die Handlung des Romans „authentisch“ oder „reine Fantasie“ ist.
Trotzdem: Persönliche Erfahrung kann einer Geschichte besondere Tiefe geben. Wer etwas selbst durchlebt hat – seien es Leidenschaft, Verlust, Macht, Ohnmacht oder gesellschaftliche Randbereiche – schreibt häufig mit einer emotionalen Präzision, die schwer nachzuahmen ist. Das Wissen zum Beispiel um Gerüche oder typische Gedankenmuster in Extremsituationen lässt sich zwar aus Faktenwissen recherchieren. Aus der persönlichen Erinnerung heraus wirken Erzählungen trotzdem oft lebendiger.
Leserinnen und Leser spüren das. Nicht unbedingt bewusst, aber intuitiv. Die Figuren wirken runder, ihre Gedanken nachvollziehbarer, ihre Reaktionen weniger konstruiert.
Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass Recherche weniger wert wäre. Denn Recherche ist kein zweitklassiger Ersatz für Erfahrung, sondern ein Werkzeug. Historische Romane oder Science-Fiction wären sonst unmöglich. Selbst Karl May war nicht im sogenannten Wilden Westen, bevor er über den Häuptling der Mescalero-Apachen schrieb, der zwar edel, aber eben fiktiv war. Trotzdem fühlen sich all diese Geschichten real an. Warum? Weil Autorinnen und Autoren systematisch denken, beobachten, kombinieren und logische Welten bauen. Durch gute Recherche entsteht Kohärenz. Das ist genauso wertvoll wie eigene Erfahrungen.
Leserinnen und Leser bemerken fehlende Erfahrung aber vor allem dann, wenn Klischees dominieren. Wenn sich Figuren wie Pappaufsteller verhalten oder komplexe Lebensrealitäten auf stereotype Schlagworte reduziert werden. Das ist nicht immer ein Zeichen oberflächlicher Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern eben auch: fehlende eigene Erfahrung des Schreibenden.
Wer sich durch die Regale mit BDSM-Literatur liest, wird oft enttäuscht feststellen, dass die Handlungen und Protagonisten gängigen Klischees entsprechen. Da ist der Superdom, der die submissive Seele einer Frau bereits während einer flüchtigen Begegnung erriechen oder wenigstens erkennen kann. Da ist die submissive Frau, die auf rücksichtlose Männer reagiert wie Insekten auf Licht, und natürlich findet sich später in der Handlung der weiche Kern des Herrn, mitsamt einer als Erklärung herangezogenen schwierigen Kindheit. Manchmal handeln Protagonisten, als hätten sie keinen gesunden Menschenverstand und keine inneren Widersprüche. Wenn es um BDSM-Praktiken geht, werden Eindrücke und Folgen zügig (und oft auch aus Unwissen) übergangen.
In der »Unverglüht«-Trilogie habe ich all das vermieden. Ich habe Geschichten geschrieben, die genau so geschehen sind, habe Protagonisten meine Erfahrungen aus vielen Jahren BDSM mitgegeben und ihnen keine Dinge zustoßen lassen, die ich nicht einschätzen konnte.
Sachliche Korrektheit entsteht durch Recherche und Verstehen, Authentizität durch Erlebtes. Eigene Erfahrungen sind darum ein mächtiger Vorteil beim Schreiben. Wichtig bleibt jedoch, dass die Erzählung in sich stimmig ist und emotionale Realität erzeugen kann.